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21.02.2013 Do - 21.02.2013 - 11:26 Uhr
Alter: 6 yrs

Saarwellingen setzt sein Seniorenkonzept um


Auszug aus der Saarbrücker Zeitung vom 21.02.2013

Ratsmitglieder hatten viele Fragen 

Von SZ-Redakteurin Michaela Heinze

Nach einem langen Vorlauf wird es nun in Saarwellingen mit dem Ausbau der Seniorenarbeit konkret: Der Gemeinderat und die drei Ortsräte haben sich am Dienstag erstmals gemeinsam mit einem Handlungskonzept beschäftigt. Dieses hatte ihnen die wissenschaftliche Koordinatorin des Saarbrücker Instituts für Gesundheitsforschung und -technologie (IGFT), Dagmar Renaud, in der Festhalle vorgestellt (wir berichteten).

Ersatz für familiäre Hilfe
Zum einen ist die Seniorenbefragung des vorigen Jahres Basis des Konzepts. 1700 Einwohner der Gemeinde über 55 Jahre hatten mitgemacht (einige Ergebnisse: siehe Grafiken). Auch der "Dialog Zukunft", bei dem Vertreter dieser Gruppe die Bedürfnisse Älterer schilderten und Projektideen entwickelten, floss in die Handlungsempfehlung Renauds ein. Sie orientiert sich an der zentralen Aussage: "Die Menschen wollen so lange wie möglich zu Hause leben." Damit stieg Renaud am Dienstag in ihren Vortrag ein.
Sie schlägt die Gründung eines gemeinnützigen Vereins vor, den zwar ein hauptamtlicher Mitarbeiter leitet, den aber Ehrenamtler am Leben erhalten. Sie könnten Älteren kleine Hilfen im Alltag geben. Sie übernähmen das, was bislang die Familie leistet. "Aber die familiäre Unterstützung bricht immer mehr weg", sagt Renaud.
Für diesen Verein, der sich über öffentliche Mittel und Spendengeld finanzieren soll, beschreibt sie weitere Aufgaben: die Vernetzung sowie den Ausbau des Ehrenamts sowie die Schulung der Ehrenamtler. Der Verein verwaltet ehrenamtlich einen Seniorenbus für Fahrten zu Geschäften und kulturellen Veranstaltungen. Start und Ziel für jeden Mitfahrer liegen an der eigenen Haustür. "Hier wird nicht nur eine Beförderung geschaffen, sondern eine soziale Teilhabe sichergestellt", betont Renaud. Und: "Der Verein soll Mitfahrzentrale für Kurzstrecken werden." Das erleichtere beispielsweise Fahrten zu Fachärzten.

"Ein saarlandweites Zeichen"
Bürgermeister Philippi will bei der Vereinsgründung keine Zeit verlieren, hier sieht er eine Priorität im gesamten Handlungskonzept: "Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, es gibt Modellprojekte. Ich will aber keine Doppelstrukturen schaffen." Renaud unterstützt das, rät aber: "Es ist wichtig, den Bedarf vor Ort zu kennen und zu erfassen. Wir können hier kein Bremer Modell überstülpen."
Die Gemeinde kann sich über einen hauptamtlichen Vereinsmitarbeiter hinaus in der auszubauenden Seniorenarbeit einbringen: laut Renaud mit einem Sonderfonds für dringende behindertengerechte Maßnahmen. Die Gemeinde werde auch weiterhin die Barrierefreiheit bei allen künftigen Bauten und Projekten umsetzen, sagte Philippi. Und mehr Ruhebänke, zum Beispiel über Patenschaften, aufstellen und mehr Toiletten öffentlich zugänglich machen. Sie werde aktiv über Leistungen und Aktivitäten für Ältere informieren.
Renaud nimmt in ihrem Handlungskonzept auch die Einwohner in die Pflicht, auch die Jungen: "Jeder muss beim Um- oder Neubau kleine Hilfsmittel zur Barrierefreiheit berücksichtigen."
Bürgermeister Philippi zog das Fazit: "Wir haben an manchen Punkten noch einiges zu tun, müssen dies aber immer unter dem Gesichtspunkt der Finanzierung machen. Jedenfalls haben wir mit diesem Projekt mit Dagmar Renaud saarlandweit ein Zeichen gesetzt." Das findet auch Renaud selbst: "50 Prozent der saarländischen Gemeinde sind noch gar nicht aktiv. Da ist Saarwellingen schon ganz gut dabei."Wird ein solcher Seniorenbus eines gemeinnützigen Vereins den Gewerbetreibenden keine Konkurrenz machen?
Roland Steffen, Leiter des Amtes für Jugend, Senioren und Soziales in Saarwellingen: Es ist ministeriell geklärt, dass Fahrgeschäfte wie Taxis zwei Einkaufsfahrten pro Woche und eine Kultur-Fahrt sonntags akzeptieren müssen. Die Senioren zahlen ja für die Fahrten der Ehrenamtlichen nicht, sondern die Mitfahrer können freiwillige Spenden abgeben.
Wie sieht es versicherungsrechtlich bei den koordinierten Mitfahrgelegenheiten aus?
Bürgermeister Michael Philippi: Das müssen wir noch klären. Aber ganz sicher wird es nichts geben, was nicht sicher und nicht geklärt ist.
Es sind doch immer dieselben Leute, die sich ehrenamtlich engagieren. Aber sie können doch nicht alles machen. Geht diese Struktur mit einem gemeinnützigen Verein unter Umständen gar nicht auf?
Die wissenschaftliche Projektleiterin Dagmar Renaud: Das Potenzial ist hier im Alter nach der Berufstätigkeit groß, das zeigen bundesweite Untersuchungen. Wir müssen Projekte nach der Interessenlage dieser Gruppe schaffen. Ein Verein muss die benötigte Leistung mit den Interessen zusammenbringen.
Roland Steffen: Wenn wir möglichst lange zu Hause leben wollen, müssen wir das Ehrenamt aufbauen. Am besten generationsübergreifend. Junge Leute aus dem Bundesfreiwilligendienst könnten dies unterstützen. Wir müssen passgenaue Hilfen auch über bereits bestehende kommunale Strukturen und bestehende Vereinsstrukturen hinaus schaffen. mcs

Meinung
Die Mischung macht's
Von SZ-Redakteurin Michaela Heinze

Es wird höchste Zeit, dass sich alle Gemeinden auf den demografischen Wandel und den Wandel der Familie einstellen. Nur so können sie künftig ihre Einwohner vor Ort halten und auch junge Leute dauerhaft locken.
Aber was ist der richtige Weg? Saarwellingen setzt aufs Ehrenamt und begleitet dieses von Amts wegen vorbildlich. Die Gemeinde ging schon zuvor einen großen Schritt, als sie das Amt für Senioren ausbaute, während andere das für Luxus hielten. Inzwischen hat es sich zum regelrechten Servicezentrum gemausert. Das Ehrenamt nutzen laut Befragung nur 0,8 Prozent. Wenn der Grund dafür ist, dass es zu wenig Ehrenamt gibt, setzt Saarwellingen aufs richtige Pferd. Ist eine Scheu der Hilfsbedürftigen Grund, muss die Gemeinde auch hier aufklären.
Die Nachbargemeinde Schwalbach hingegen will einen Liefer- und Bringdienst mit dem Einzelhandel aufbauen. Auch das bringt ein gutes Netzwerk. Eine Mischung aus Profession und Ehrenamt aber, vielleicht auch über Gemeindegrenzen hinaus, könnte alle für den Wandel fitter machen.